Eindrücke und Architektur in Myanmar

Redaktion Ausbildung und Berufsgründung

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Niklas Heese studiert Architektur an der TU München und absolviert von September 2015 bis Juli 2016 ein Auslandsjahr an der Tongji Universität in Shanghai. In dieser Zeit wird er an dieser Stelle über das Studentenleben in China berichten. Diesen Monat berichtet er von seiner Reise durch Thailand und Myanmar.

 

Im letzten Artikel sind wir bis zur burmesischen Grenze gekommen und sind jetzt auf dem Weg in die Hafenstadt Dawei im Süden Myanmars. Unseren Plan, ganz im Süden den Myeik Archipel zu besuchen, haben wir bereits in Kanchanaburi in Thailand aufgegeben.

 

pagodeDer Phunaron-Pass, über den wir nach Myanmar ist erst seit zwei Jahren geöffnet und auf burmesischer Seite sehr schlecht erschlossen. Die Straßenverhältnisse in Myanmar lassen allerdings im ganzen Land zu wünschen übrig, wir werden aber durch den Blick aus dem Minibus auf die grüne Berglandschaft entschädigt. Hier und da blitzt eine einsame Pagode durch die Bäume.

Auf der Fahrt nach Dawei bekommen wir schon eine grobe Idee davon, wie wir uns die Architektur in Myanmar vorzustellen haben. Tatsächlich soll sich mein Eindruck von der burmesischen Bauweise im Laufe der Reise wenig ändern. Die kleinen, einzelnstehenden Häuser lassen sich in zwei Typen teilen. Die traditionellen Holzkonstruktionen, die oft schief und improvisiert daherkommen und die Stahlbeton-Skelett-Konstruktionen, bei denen die Zwischenräume mit Ziegeln ausgefacht sind. Die Konstruktionsweise könnte zwar nicht verschiedener sein, die Volumen ähneln einander jedoch stark und es scheint fast, als würde erst das Haus entworfen und dann über die Konstruktionsmethode entschieden.
Allgemein stellen die Gebäude hier vor allem einen Schutz vor dem Regen dar, fällt mir auf und ich erinnere mich an das, was wir an der thailändischen Grenze gehört haben: Es ist rainy season und die halb fertige Straße nach Dawei schwemmt es gelegentlich die Berge runter, gut, dass wir die Motorräder losgeworden sind.

 

In Dawei haben wir das erste Mal richtig Kontakt mit Myanmaren. Ich habe zu dem Zeitpunkt schon eine Menge von ihnen gehört, dass sie sehr aufgeschlossen und freundlich seien und alles mögliche Gute. Aber um zu begreifen, was deine Reiseführer und Freunde meinen, musst du nach Myanmar fahren und es selbst sehen. Die Leute dort haben eine sehr lockere Art mit einander umzugehen, auch wenn sie auf sittliches Benehmen großen Wert legen. So rangeln sie gerne auf der Straße mit ihren Kindern aber sehen es nicht gern, wenn Frauen zu kurze Kleider tragen. Die meisten sind gläubige Buddhisten aus den zahlreichen Ethnien Myanmars und selten sieht man Angehörige einer muslimischen Minderheit – sie sind die einzigen, die Bärte tragen.
Auf der Straße gehen die Myanmaren oft auf uns zu und fragen alles Mögliche, wo wir herkommen, wie wir heißen, wie viele Geschwister wir haben. Anders als in Thailand oder den meisten anderen Orten, die man so bereist, sind die Leute auf der Straße aber nicht darauf aus uns etwas zu verkaufen, sondern fragen einfach aus reinem Interesse. Hier im Süden sehen sie auch fast nie Ausländer. Wenn man sie nach dem Weg fragt, kommen sie ein Stück mit, damit man den Weg auch sicher findet, an so viel Freundlichkeit muss man sich am Anfang erst mal gewöhnen.

 

Der nächste Halt heißt Yangon. Wir reisen von jetzt an immer über Nacht, um Hotelkosten zu sparen und mehr von den Tagen zu haben. Der Weg von Dawei nach Yangon, ist mit etwa 600 km sehr weit und wir lassen uns dazu hinreißen, in Mawlamyaing vom Bus in den Zug umzusteigen. Weiterempfehlen kann ich die burmesische Bahn nicht. Der Zug ist nicht sehr schnell unterwegs, aber es reicht um unseren Wagon wild hin und her zu werfen, mit ihm die korpulente indische Dame in der Reihe vor uns. Irgendwie schaffe ich es, ein bisschen Schlaf zu bekommen. Das einzige, was man erkennen kann, wenn man aus dem Fenster sieht, sind die hell erleuchteten Pagoden, manche vergoldet, manche aus Stein und ein wenig verwittert.

 

Yangons Geschichte reicht mehr als 2000 Jahre zurück, über die Zeit als koloniale Hauptstadt und Jahrhunderte des Wettstreits zwischen den Reichen der verschiedenen Ethnien bis vor die Errichtung der Shwedagon Pagoda. Die 100 m hohe Pagode ist das Nationalheiligtum und eine der größten architektonischen Leistungen Myanmars. Die buddhistische Symbolik zieht sich bis in das kleinste Detail, von dem Hauptstupa selbst über die verschiedenen Terassen bis zu den unzähligen kleineren Pagoden. Wir laufen barfuß im Uhrzeigersinn um den riesigen vergoldeten Berg und sehen wie die Birmanen Wasser über Buddhastatuen gießen, die den Wochentag ihrer Geburt repräsentieren. Die Art wie sie ihre Spiritualität ausüben passt zu ihnen. Es ist üblich für Familien, am Morgen zur Pagode zu kommen, kurz zum Gebet niederzuknien, dann den Tag zusammen bei der Pagode zu verbringen und am Abend vor dem Gehen noch einmal zu beten. Sie essen dort, unterhalten sich miteinander und mit den Mönchen, genießen die kostenlose Internetverbindung. Das alles passiert aber ganz ruhig, ohne zu rangeln, zu rennen oder laut zu sein.

 

Nachts muss man in Yangon ein bisschen suchen, bis man einen Ort findet, wo etwas los ist. Von Zeit zu Zeit werden Sperrstunden verhängt, was mit der Vergangenheit (?) Myanmars als Militärdiktatur zusammenhängt. Am Abend kann man aber zum Beispiel in das Getümmel in der 19th Street tauchen, nach europäischen Maßstäben eine Gasse mit einer Menge Streetfood Verkäufern und kleinen Restaurants und Bars, auch als Chinatown bekannt. Die Myanmaren trinken gerne Alkohol und es gibt ein ziemlich gutes Bier, Myanmar Bier. In ganz Myanmar sieht man absurd viel Werbung für Myanmar Bier, High Class Trinkwasser und verschiedene Spirituosen an selbst der kleinsten Hütte. Ziemlich gesellig, wie sie am Abend zwischen den Kolonialhäusern sitzen und zusammen Grillspieße essen. Es riecht, typisch für Myanmar, nach verbranntem Holz und hier auch ein bisschen nach verbranntem Fleisch. Vielleicht vertrauen wir deshalb dem Essen vom Straßenverkäufer und holen uns zwei Myanmar und einen Haufen Spieße.

 

Als wir bei Sonnenaufgang am Inle See ankommen, merken wir, dass unser Hotel zwar, wie erwartet, auf dem See auf Stelzen steht, aber nicht wie erwartet in Ufernähe, sondern eine halbe Stunde Bootsfahrt entfernt. Auf dem Weg sehen wir ganze Dörfer, die auf dem See stehen, der an den meisten Stellen nicht tiefer als 2 m ist. Wir sehen in den Tagen, die wir hier bleiben, eine Menge von der Kultur der Intha, von denen manche angeblich nie das Festland betreten. Ein bisschen touristisch wirkt es hier schon ab und zu, allerdings das erste Mal, seit wir in Myanmar sind. Auf einem floating market kaufen wir uns traditionelle Kleidung, die wir die ganze Reise schon bei den Birmanen gesehen haben. Männer und Frauen tragen Longyis, lange Röcke, die oben zusammengeknotet werden. Für die Männer gibt es Karos, für die Frauen Blumenmuster.
Wir befinden uns im Shan State, wo das Shan Volk sich vor allem im Osten immer wieder Gefechte mit der Regierung liefert. Davon bekommt man hier aber wenig mit, bis auf die aufdringlichen Souvernir-Verkäufer sind hier alle so freundlich wie überall in Myanmar.

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Mit Bagan folgt der Höhepunkt der Reise. Wir haben schon Bilder gesehen und die Reiseführer gelesen, aber als wir in unserem Hotel in Nyaung U bei Bagan ankommen ist es noch stockdunkel. Wir können erst um 12 einchecken, aber Elektroroller können wir schon mal mieten. Wir lassen also unsere Rucksäcke im Hotel und fahren los auf den dunklen Weg nach Old Bagan. Wir fahren durch die Dunkelheit an unzähligen großen Tempeln vorbei, 911 dieser Pahtos entstanden hier laut Führer vom 11. Bis zum 14. Jahrhundert, sowie 524 Pagoden und 415 Klöster, unfassbar dicht bei einander auf etwa 40 km2. Wir sehen davon fast nichts, die halbe Strecke fahren wir ganz ohne Licht. Wir kommen an Shwe-san-daw, der höchsten Pagode, an, finden mit unseren Taschenlampen den Weg hoch auf die oberste Ebene und der schwarze Himmel beginnt sich in ein tiefes Blau zu färben. Langsam lassen sich am Horizont Zacken erahnen und weit weg hört man ein paar Roller. Lukas lehnt an einer Wand und schläft, als zwei Mädels die Treppe hoch kommen. Es stellt sich heraus, dass sie aus den Niederlanden kommen und uns schon am Inle See gesehen haben. Sie sind in Mandalay gestartet und wollen von Yangon aus nach Thailand, danach fängt die eine von ihnen ein Masterstudium in Japan an, beide sind ganz hübsch. Langsam lässt sich die Richtung erahnen, in der die Sonne aufgehen wird und es lassen sich immer deutlicher Spitzen im Nebel erkennen, der über der Ebene hängt und sich nach und nach verzieht. Wie üblich lässt die Sonne ganz schön auf sich warten. Endlich geht sie auf und erleuchtet die ganze Ebene. Zum ersten Mal sehen wir jetzt die goldenen Spitzen und die rotbraun leuchtenden steinernen Tempel von Bagan und die dunkle, satte Vegetation, die bis zum Horizont wuchert. Im Norden und Westen begrenzt der große Ayeyarwady River die Tempelanlagen. Wir verabreden uns mit den Niederländerinnen am Pool und beginnen unsere Rollertour durch Bagan.
Bagan zu beschreiben führt hier zu weit, das ist auch eine Sache, die man nur vor Ort wirklich begreifen kann. Man muss mit einem Roller durch den Sand, an Ziegen und Tempeln vorbei brettern, die Stufen hochklettern und den Ausblick genießen. Photos und Erzählungen werden dem Ort einfach nicht gerecht. Für mich ist Bagan das beeindruckendste, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, es wird nicht mein letzter Besuch dort sein.

 

Die Mädels aus den Niederlanden haben uns das Hotel empfohlen, in dem wir in Mandalay wohnen. Die Stadt ist nicht allzu schön, aber man kann sich gut an den Mauern des Königspalastes orientieren. Wir trinken einen auf dem Dach des Hotels, von da sieht Mandalay noch am nettesten aus. Wir sind am Ziel der Reise angekommen, morgen geht es nach Shanghai, nächstes Kapitel.

 

Niklas Heese

Architekturstudent